Wie wirkt Kneipp?

Regelsysteme – die Hüter unseres Lebens

Regelsysteme sind für unsere innere Ordnung zur Erhaltung unserer Existenz notwendig. Sie bestimmen Wohlbefinden und Belastungsfähigkeit. Das Prinzip eines Regelsystems, lässt sich am Mechanismus zur Erhaltung der Körperkerntemperatur sehr gut erläutern. Es ist ein ständig gefordertes System, um Temperaturschwankungen der Umgebung oder veränderte innere Wärmeproduktion, zum Beispiel durch erhöhte Muskelaktivität, auszugleichen.

 

 

Die Körperkerntemperatur – für Kneipp das wichtigste System 

Von außen oder innen kommende Wärme- oder Kälteeinflüsse, die die Konstanz der Körperkerntemperatur stören, werden durch Rezeptoren erfasst. Es sind dies in der Haut gelegene Temperaturfühler, die für warm und kalt getrennt sind und deren Zahl an den einzelnen Körperregionen verschieden ist. Für die Wasseranwendungen ist von Bedeutung, dass es weit mehr Registrierstellen für Kaltreize als für Warmreize gibt. Werden Abweichungen wahrgenommen, werden Signale über Nervenbahnen vorerst zum Rückenmark geleitet. Dieses setzt sich entsprechend den zwischen den Wirbeln ein- und austretenden Nervenwurzeln aus verschiedenen Segmenten zusammen. Verbindungen der von der Peripherie kommenden und zur Peripherie führenden Nerven erlauben so genannte segmentale, in gleicher Höhe gelegene Reflexe. Das heißt, dass die ankommenden Signale eine unmittelbare, von unserem Willen unbeeinflusste, kurzwegige Reizantwort bewirken. 

 

Neben den Reflexbögen: das Gehirn wird zugeschaltet 

Außerdem werden Signale über im Rückenmark verlaufende aufsteigende Bahnen zum zuständigen Zentrum im Zwischenhirn, dem Hypothalamus, gesandt. Dort erfolgen die Verarbeitung des gemeldeten Reizes und die Veranlassung von Gegenmaßnahmen. 

Nun erfolgt auch eine Weiterleitung an andere Gehirnregionen, wie der Hirnrinde (wodurch uns die Temperatureinwirkung bewusst wird). 

Der Hypothalamus gehört entwicklungsgeschichtlich zu den ältesten Abschnitten des Gehirns. Er kann willentlich nicht beeinflusst werden und hat zahlreiche Verbindungen zu anderen Zentren des Gehirns, unter anderem zum Leistungszentrum (Formatio reticularis), von dem aus die augenblickliche Leistungsfähigkeit bestimmt wird. Vom limbischen System, in dem die Gefühlsregungen ihre Zentrale haben, und vom Thalamus, der großen Schaltstelle für alle sensiblen und sensorischen Informationen, strömen emotionale Impulse ein. Verbindungen zur Großhirnrinde informieren über gewollte Aktivitäten. Diese Vernetzungen sind nicht als Einbahnen zu verstehen, sondern Impulse verlaufen in beiden Richtungen ab. 

 

Reaktionen des Ordnungssystems: keine Einbahnen 

So können emotionale Erregungen zu vegetativen Fehlleistungen und umgekehrt kann ein mobilisierter Hypothalamus zu emotionalen Entladungen führen. Aus der Kneipptherapie weiß man, dass die Reizantwort auf einen hydrotherapeutischen Reiz von der augenblicklichen Stimmungslage abhängig ist. Jeder Kneipp-Bademeister kennt dieses Phänomen und wird darauf Rücksicht nehmen. Die Verbindung zur Großhirnrinde kommt dadurch zum Ausdruck, dass zum Beispiel hydrotherapeutische Reize, wenn sie einen gewissen Schwellenwert überschritten haben, auch zur Großhirnrinde gemeldet werden und damit zum Bewusstsein gelangen. 

 

Nicht nur unbewusst – auch bewusst steuern wir

Wir empfinden Wärme oder Kälte an einer bestimmten Körperregion und können uns willensmäßig zu entsprechenden Gegenmaßnahmen entschließen: Zum Beispiel bei Kalteinwirkung Muskelaktivität, um die Temperatur durch erhöhte Wärmeproduktion auszugleichen. Die Verbindung zum Leistungszentrum muss auch bei Kneippanwendungen Berücksichtigung finden. Man kennt die Tagesleistungskurve mit einem Tief in der Ruhephase (siehe „Warum wirkt „kalt“ morgens „kälter“?) und nach dem Mittagessen. Deshalb wird man die Behandlungszeiten danach ausrichten. Zusammenfassend ist für die Ordnungstherapie die Erkenntnis wichtig, dass bei ordnenden Maßnahmen emotionale (gefühlsmäßige) Reaktionen, der Leistungspegel im Leistungszentrum, willensmäßige Entscheidungen und Eindrücke, die durch die anderen Sinnesorgane aufgenommen werden, zu berücksichtigen sind. 

 

Der Ablauf von Kaltreizen im Temperatur-Regelsystem: 

Die Aufnahmeorgane sind die Temperaturfühler der Haut und auch im Körperinneren, da nicht nur Temperaturveränderungen von außen, sondern auch Schwankungen im Organismus, zum Beispiel durch erhöhte chemische Wärmeproduktion bei gesteigerten Stoffwechselvorgängen oder bei erhöhter Muskelaktivität, ausgeglichen werden müssen. Regelzentrale ist der Hypothalamus mit seinen Verbindungen zu allen anderen Gehirnzentren. Von ihm kommen die Regelimpulse zur Peripherie, die die registrierte Veränderung ausgleicht. Entgleisungen dieses Ordnungsgefüges können durch Störungen einer oder mehrerer Stationen und vor allem durch negative Impulse von anderen Gehirnzentren auftreten. Der Hypothalamus hat auch eine enge Verbindung zur Hirnanhangdrüse – der Hypophyse. Sie wiederum ist das Steuerungsorgan für alle im Körper befindlichen hormonbildenden Drüsen. Bei größeren Aktionen und Reaktionen wird auf diesem Wege auch das Hormonsystem beeinflusst. Bei einem intensiveren Kaltreiz wird z. B. auch die Nebenniere, die Adrenalin etc. ausschüttet, eingeschaltet. 

 

Praktisch: 

Leitmotiv ist die Konstanterhaltung der Körperkerntemperatur. Die Stellglieder im Temperaturregelkreis sind die Hautgefäße und die Schweißdrüsen, das zirkulierende Blut ist der Wärmetransporteur. Wärme wird physikalisch durch Muskelarbeit und chemisch durch Stoffwechselvorgänge produziert. So wird ein einströmender Kaltreiz vorerst durch eine Verengung der Hautgefäße abgewehrt. Nach Abklingen des Reizes muss die abgekühlte Körperregion wieder erwärmt werden und deshalb werden die Hautgefäße reaktiv von der Regelzentrale weit gestellt. So ergeben sich bei Kalteinwirkung eine Blässe und anschließend eine Rötung; vorausgesetzt, die Gefäße sind elastisch und nicht durch Abnützung starr. Wenn die Wärmereserven des Körpers zum Kälteausgleich nicht ausreichen, wird zusätzlich Wärme gebildet. Andererseits wird bei übermäßiger Wärmezufuhr oder Wärmeproduktion, wenn der Temperaturausgleich über die Hautgefäße nicht ausreichend oder bei hohen Außentemperaturen nicht möglich ist, die Schweißproduktion zugeschaltet. Durch Verdunsten des Schweißes mit kräftigem Wärmeentzug wird die Hitzeeinwirkung ausgeglichen. 

 

Viele Regelkreise – Kneipp ordnet und reguliert! 

Unser Körper verfügt über eine Fülle derartiger Regelkreise, die alle dem gleichen Prinzip folgen und sich gegenseitig beeinflussen. Daher kann man umgekehrt mit Beeinflussung einzelner Regelkreise (z. B. über die Haut mit Kneipptherapie) auch ordnend und ausgleichend auf den gesamten Organismus wirken.