Psychosomatische Erkrankungen

Störung des Ordnungsgefüges durch Konflikte

Unsere innere Ordnung ist ständig Belastungen ausgesetzt und soll es bis zu einem gewissen Grad auch sein. Werden die Grenzen immer wieder über- oder auch unterschritten, gerät die innere Welt aus den Fugen.

Eine Störung wird sich vorerst einfach dadurch äußern, dass Anforderungen nicht mehr richtig erfüllt werden können: Konzentrationsstörungen, Missbehagen, Müdigkeit, Unlust lassen die Leistungsfähigkeit sinken. Gleichzeitig kann es zu psychischen Veränderungen mit sozialen Schwierigkeiten kommen, während umgekehrt Störungen der inneren Ordnung häufig in zwischenmenschlichen Konflikten ihre Wurzel haben – oder eben auch dazu führen können! Die Organe sind noch gesund – es handelt sich um „funktionelle Störungen“. 

 

 

Vom „Nicht-gut-Fühlen“ zum Organbefund 

Wird gegen funktionelle Entgleisungen, die auf Grund ihrer vielfältigen Symptomatik mit verschiedenen Namen bedacht werden (»vegetative Dystonie«, »neurocirculatorische Dystonie«, »vegetative Fehlleistung« usw.) nichts unternommen, kann es zu krankhaften Organschäden kommen. „Krankhaft“ bedeutet für die Organe eine zusätzliche Belastung, die die ursprüngliche Störung noch weiter verstärkt. 

In der Phase ausschließlich funktioneller Störungen ohne Organbefund können folgende Beschwerdebilder auftreten:

 

1. Allgemeinbeschwerden:

Verminderung der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit durch frühzeitige Ermüdung und Mangel an Konzentrationsfähigkeit; ungenügende Erholung durch Ein- oder Durchschlafstörungen; emotionale Entgleisungen durch Überempfindlichkeit, leichte Erregbarkeit, verbunden mit Kommunikationsschwierigkeiten.

Aus der Praxis:

55-jährige Patientin, im Lehrberuf bisher erfolgreich tätig, kommt wegen bisher nicht gekannter, beruflicher Schwierigkeiten. Bei der Verbesserung von Schul- und Hausaufgaben unterlaufen neuerdings gelegentlich Fehler. Der Schlaf ist sowohl bezüglich des Einschlafens, als auch des Durchschlafens gestört. Am Morgen besteht Müdigkeit und der früher bestandene Arbeitseifer ist durch Missmut verdrängt. Die Kontakte mit den Schülern, der Schulleitung und den Kollegen sind nicht mehr problemlos. Die Durchuntersuchung ergab keinerlei Anhaltspunkt für eine organische Ursache dieser Beschwerden. Wohl aber ist in der Familie der streng konservativ erzogenen und denkenden Lehrerin ein bedeutendes Ereignis eingetreten.

Der Schwiegersohn, dessen akademische Ausbildung von den Schwiegereltern zum Teil mitfinanziert wurde, hat die Tochter mit zwei Kindern im Alter von vier und sieben Jahren verlassen. Die Tochter muss trotz beruflicher Tätigkeit allein für die Kinder sorgen. Damit ist für die Patientin die heile Welt zusammengebrochen. Nach einem ausführlichen Gespräch versucht sie, mit dem Gatten und der Tochter die Situation zu meistern. Sie leistet bestmögliche Hilfestellung und berichtet mit einem gewissen Stolz von ihrem Einsatz. Die Schlafstörungen werden mit Wasseranwendungen und mit Heilpflanzentees allmählich besser.

 

2. Störungen verschiedener Organfunktionen bei normalem Organbefund:

a) Funktionelle Störungen an Herz und Kreislauf

Am häufigsten sind die funktionellen Störungen der Herz- und Kreislauffunktion: Herz- Rhythmusstörungen in Form von unmotivierter, beschleunigter Herzfrequenz - »Herzklopfen«  und von außertourlichen Herzaktionen (Extrasystolen). Ferner treten auch brennende oder stechende Schmerzen in der Herzgegend auf, für die kein organischer Grund gefunden werden kann. Oder der ständig der augenblicklichen Situation angepasste Kreislauf kann durch unangebrachten Blutdruckanstieg (erhöhter Ruhe- oder überdurchschnittlich gesteigerter Belastungsdruck) und auch durch mangelhafte Blutdruckhöhe (Niederdruck), bis zum Kollaps, entgleisen. Darüber hinaus können einzelne Körperregionen entgegen den Erfordernissen zu viel oder zu wenig durchblutet werden. Zum Beispiel: kalte Füße oder die Errötung bei emotionaler Erregung. Auch die gefäßbedingten Kopfschmerzen sind hier anzuführen.

In der Alltagspraxis des Internisten stellt sich immer wieder die Frage, ob Herz-Kreislauf-Problemen organische Veränderungen zugrunde liegen. In der Regel treten funktionelle Beschwerden, seien es Blutdruckabweichungen oder Empfindungen in der Herzgegend, eher in Ruhe auf und bessern sich bei Belastung oder fehlen dann überhaupt. Körperliche Leistung wird gut vertragen und provoziert keine Beschwerden.

Krankhafte Organveränderungen müssen immer durch eingehende Diagnostik ausgeschlossen werden. Ist dies geschehen, wird dem Patienten die Ursache seiner Beschwerden erklärt. So kann man gemeinsam frühzeitig mit der bei funktionellen Beschwerden zweifellos langwierigeren Therapie beginnen. Vertrauen in den behandelnden Arzt ist gerade bei funktionellen Beschwerden die Basis für den Erfolg!

b) Funktionelle Störungen der Verdauungsorgane

Im Magen-Darm-Trakt ist eine Verzögerung oder Beschleunigung der Passage (z. B. Durchfall bei psychischen Belastungen) möglich. Weiters können in einzelnen Abschnitten krampfartige Bewegungsabläufe mit entsprechenden Beschwerden auftreten. Bekannt sind die funktionellen Beschwerden der Gallenwege, die der Volksmund mit dem Spruch »Es kommt die Galle hoch« charakterisiert. Die funktionelle Ursache ist hier meist dadurch zu erkennen, dass die Beschwerden in keinem Zusammenhang mit der Nahrungsaufnahme und der Stuhlentleerung stehen.

c) Funktionelle Störungen der Atmung

Ferner sind Atembehinderungen möglich: ein »Nicht-Durchatmen-Können«, das mit einem tiefen Atemzug durchbrochen wird. Charakteristisch ist das so genannte Globusgefühl („Es steckt ein Knödel im Hals"). Tatsächlich sind die Atemwege völlig frei.

Erwähnt seien noch die unmotivierten Schweißausbrüche - der Volksmund kennt den Angstschweiß - und die Störungen der Blasenfunktion. Prinzipiell sind in allen Körperbereichen Funktionsstörungen möglich und je nach Lokalisation ergeben sich die Beschwerdebilder.

Aus längerfristigen funktionellen Störungen können sich krankhafte Organveränderungen entwickeln und später als eigenständige Krankheiten, das heißt ohne weitere psychische Überforderung, fortbestehen. Es sind dies die psychosomatischen Erkrankungen, zu deren Prototypen die Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre zählen.

Aus der Praxis:

Ein leitender Beamter hatte lange Jahre seiner beruflichen Laufbahn an der Frustration durch seinen Vorgesetzten zu leiden. Er hatte ein gewaltiges Arbeitspensum zu bewältigen, während der Lohn des Erfolges vom Vorgesetzten in Anspruch genommen wurde. Unter diesen Schwierigkeiten entwickelte sich erstmals ein Zwölffingerdarmgeschwür ohne Helicobacter-Befall und regelmäßig traten im Frühjahr und Herbst Rezidive (Rückfälle) auf. Inzwischen hat der Patient auf Grund seiner erfolgreichen Arbeit volle Anerkennung gefunden. Trotzdem kommt es immer wieder zu neuerlichen Geschwüren, so dass man von einer eigenständigen Erkrankung sprechen kann.

Immer gilt: Bei länger bestehenden Beschwerden muss man eine umfassende Durchuntersuchung anstreben. Leider erlebt man immer wieder Fälle, in denen hinter dem Bilde einer funktionellen Störung - »es sind nur die Nerven« - schwerwiegende Erkrankungen verborgen sind und übersehen wurden. Andererseits sollte aber auch bei einmal feststehender Diagnose »psychosomatisch bedingt« nicht unentwegt weiter durchuntersucht, sondern eine sinnvolle Behandlung, wenn möglich mit Beseitigung der Ursachen, eingeleitet werden. Schließlich haben Beschwerden auch ohne organische Veränderungen Krankheitswert und mindern die Lebensqualität.